Kinzo Architekten: Der Club der Grenzgänger

Der Chef kommt mit dem Fahrrad, wie fast alle hier im Büro in Berlin-Kreuzberg, wenige Hundert Meter vom Checkpoint Charlie entfernt. Ein Kollege reicht einen doppelten Expresso an. Chris Middlleton nimmt die Tasse lächelnd entgegen. „Eine Aufenthaltsqualität zu erzeugen, ist eine elementare Motivation für unsere Arbeit“, sagt der Geschäftsführer. Er nimmt auf einem Sofa Platz, hinter ihm ein großes, bis an die Decke reichendes Regal mit Bildbänden, Pflanzen und Materialmustern. Stoffe, Holz, Metalle. Das passt zum Industrial Style des Raumes, der eine Mischung aus Empfang, Archiv und Lounge ist. Von der Sitzecke aus blickt man durch hohe Gitterfenster in die Hinterhofräume eines 1914 erbauten Gewerbehauses, über Bildschirm-Arbeitsplätze und Meeting-Inseln.

Die Kunst der Improvisation

Kinzo Architekten haben die Büros in der Rudi-Dutschke-Straße vor zehn Jahren bezogen, nachdem ihr 2005 gegründetes Studio in Berlin-Mitte, direkt am Alexanderplatz, zu klein geworden war. „Es gab dort keine Tür, man stieg durchs Fenster ein.“ – Dieser Satz gehört zu den gerne verbreiteten Anekdoten, mit denen die Macher von Kinzo ihr Image pflegen. Und das ist eng mit der Stimmung zu Beginn der Nullerjahre in Berlin verbunden: Da war die Metropole voller hitziger Kreativität, städtebaulicher Ambitionen und – vor allem – wilder, unerschrockener Menschen, die etwas bewegen wollten.

Die Lust zum Experiment und zum Improvisieren gehört auch zur Vita des stetig gewachsenen Studios (das inzwischen auf mehr als 70 Mitarbeitende an den Standorten Berlin, München und Hamburg angewachsen ist). Chris Middleton studierte Ende der 1990er-Jahre in Berlin Architektur. Mit seinen Studienfreunden Martin Jacobs und Karim El-Ishmawi teilte er nicht nur die Leidenschaft fürs Gestalten, sondern auch für die damals legendäre Musik- und Dancefloorszene der Hauptstadt. Das führte dazu, dass das verschworene Trio im Jahr 1999 seinen ersten Club gründete – den Musikclub Kinzo in Mitte.

Der Name hat einen recht handfesten Ursprung. Die drei Freunde wollten für einen Ausflug ins Spreegewässer ein Holzboot wieder flott machen – und griffen dabei zu einer Schleifmaschine. Darauf war der Name eines Werkzeugherstellers gedruckt: Kinzo. Mit ähnlichen Ideen, mit denen sie das Interieur ihres Underground-Lokals kreierten, machten sie sich auch an ihre ersten Aufträge als Innenarchitekten. So machte das Trio u.a. mit dem Büro-Konzept für den in Berlin gegründeten Streaminganbieter SoundCloud auf sich aufmerksam. Ihr Markenzeichen sind offene Arbeitsflächen, die die Kommunikation anregen und Wohlfühlzonen integrieren.

Vielseitige „Placemaker“

„Unser oberstes Narrativ ist es, an Orten eine spannende Nutzung zu ermöglichen und ihm gleichzeitig eine unverwechselbare Identität zu geben“, sagt Chris Middleton. In den Anfangsjahren waren es viele Projekte in Berlin, mit denen sich Kinzo als Partner für innovative Raumkonzepte bei Neubauten wie Transformationsprozessen einen Namen machte. Dazu gehörten zum Beispiel neue Büros in bekannten Berliner Bauten wie dem im vorherigen Jahrhundert erbauten Admiralspalast oder den Nachwende-Hochhäusern am Potsdamer Platz. Mit der wachsenden Bekanntheit kamen Projekte in München (Tech-Konzern) und im südkoreanischen Seoul hinzu (Softwarehersteller).

Zur Identität es Ortes gehören neben der Architektur auch das soziale Umfeld und die Lebensqualität. Es sind Aspekte, die in der offenen, interdisziplinären Arbeitsweise der Projektteams an Bedeutung gewonnen haben. Genauso wie die Prämissen für nachhaltige Materialien sowie die klimaschonende Transformation im Bestand. Sie sehen sich daher nicht nur als Innenarchitekten, sondern bezeichnen sich lieber als „Placemaker“. Mit-Geschäftsführer Karim El-Ishmawi: „Wir sehen Architektur als Möglichkeit, Haltungen zu zeigen – nicht nur Räume zu füllen. Die besten Projekte entstehen, wenn wir mit Auftraggebern gemeinsam etwas wagen.“

Für das neueste Wagnis hat Kinzo mit dem Immobilienentwickler Art-Invest zusammengearbeitet. Deren Quartier Macherei ist eines der ambitioniertesten Berliner Projekte der vergangenen Jahre. Es vereint Büros mit Wohnungen, Gewerbe und Gastronomie. Zu einem sanierten ehemaligen Hochhaus der Post kommt mit dem M 40 ein Holzhybridbau für Unternehmen, Coworking und flexible Freizeitflächen hinzu. Die „Shared Places" (2000 qm) hat das Kinzo-Team gestaltet. Praktischerweise liegt M 40 nur zwei Straßenblocks entfernt, am Landwehrkanal in Kreuzberg. Und tatsächlich sieht es dort auch so aus, als hätte sich Geschäftsführer Chris Middleton ein weiteres, größeres Office erdacht. Inklusive einer einladenden, bunt gekachelten Espresso-Bar. kinzo-berlin.de
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