Bjarke Ingels – spielerisch erfindungsreich

Für den dänischen Architekten Bjarke Ingels sind Extravaganz und ökologische Sensibilität keine Gegensätze, sondern befruchtende Impulse bei seinen Gebäuden und städtebaulichen Visionen. Die Bjarke Ingels Group (BIG), die den Wettbewerb für ein neues spektakuläres Opernhaus im Hamburger Hafen gewann, ist ein einflussreicher Global Player mit weltweit mehr als 700 Mitarbeitenden.

Der Sudmolen ist ein schmaler Damm im Nordhavn von Kopenhagen. In dem fast 30 m hohen Gebäude aus Beton und Glas, das auf diesem Areal vor wenigen Monaten bezogen wurde, brennt meistens lange Licht. In der Dunkelheit herrscht dann eine besondere Atmosphäre. Es wirkt fast so, als ob die hier arbeitenden Menschen in aufeinander gestapelten Containern sitzen. Und während sie aufs Wasser blicken, ziehen Schiffe vorbei, tauchen Hafenkräne am Horizont auf. Es ist das neue Headquarter der Bjarke Ingels Group, dem vor 20 Jahren in der dänischen Hauptstadt gegründeten Architektur-Büro, das längst eine globale Marke ist. Mit Niederlassungen in New York, London, Oslo, Shanghai und Barcelona.

Kopenhagens grüner Pionier

Mit dem neuen BIG HQ setzt Bjarke Ingels, Jahrgang 1974, wieder einmal ein architektonisches Ausrufezeichen in seiner Geburtstagsstadt. Wie im Jahr 2019. Da wurde die Müllverbrennungsanlage Amager Bakke eröfnet. Das Phänomenale am eigenwillig geschwungenen Gebäude: Der Architekt hatte auf dem Dach dieser Fabrik zur grünen Energiewinnung aufsteigende Wanderpfade und eine Skipiste gesetzt. Was für ein Clou. Denn die Dänen, eine skibegesierte Nation ohne hohe Berge, bekamen zum modernen Umweltprojekt noch ein schnell und klimafreundlich erreichbares Naherholungsgebiet geschenkt.

Funktional und futuristisch – das kennzeichnet sehr gut die Denkweise von Bjarke Ingels. Ob Fabrik, Bürohochhaus, Wohnanlage oder Museum: Das Superhirn legt seine Entwürfe stets sehr praktisch an und stellt sie dann fantasievoll in den Kontext der vorgefundenen Landschaft. Die kann weitläufig bewaldet oder urban verdichtet sein. Da macht er keinen Unterschied.

Die Orte, die Bjarke Ingels im offen Dialog mit der Umgebung ersinnt, können auf den ersten Blick wie kapriziöse Fremdkörper wirken. Doch das ist gleichzeitig das Raffinerte und auch Magische am vielfältigen Output der Bjarke Ingels Group (BIG) mit ihren rund 700 Mitarbeitenden weltweit. Die Bauten sind kraftvoll, überraschend, bisweilen auch plakativ, zugleich konsequent nachhaltig. Und sie schaffen es auf einer weiteren Ebene, eine respektvolle, zurückhaltende Beziehung zur Geschichte des Ortes zu entwickeln. „Das Spielen ist für mich eine ernsthafte Sache", umschreibt der Architektur-Star seine Arbeitsweise.

Klimafreundlicher Beton

Das drückt sich auch im Headquarter aus. Da Ingels seinen Ruf als Visionär mit außergewöhnlichen Holzbauten gefestigt hat, war die Stadtverwaltung von Kopenhagen zunächst irritiert über den Entwurf ihres grünen Botschafters. Eine Fassade im brutalistischen Stil mit dem Klimafresser Beton? Die Antwort – typisch für den Mann, der es liebt, Erwartungshaltungen zu durchkreuzen: „Wir können unsere Städte nicht nur aus Holz und Lehm bauen, sondern müssen auch zeigen, wie Beton nachhaltig eingesetzt werden kann." In das siebengeschossige Gebäude aus CO2-reduziertem Beton ist ein Solar- und Geothermie-System integriert. Einen 1.500 qm großen Parkplatz verwandelte BIG in eine Promenade und ließ sich von Küstenwäldern und Sandstränden inspirieren. Das schafft ein Mikroklima für Vögel und Insekten inmitten alter Hafenanlagen. Ingels: „Für mich ist dieses Gebäude eine Hommage an Kunst und Natur, an Vergangenheit und Zukunft, an Bodenständigkeit und neue Technologien."

Ungewöhnliche Zukunftsvisionen

Wasser scheint Bjarke Ingels, der mit seiner Familie auf einem umgebauten Fährschiff wohnt, stark zu beflügeln. Das bestätigt sein jüngster Coup mit dem siegreichen Entwurf für eine Oper im Hamburger Hafen, dessen spiralförmige Dachkonstruktion sich ästhetisch auch in den Außentreppen des BIG HQ widerspiegelt. Kindheit und die meiste Zeit seines Architektur-Studium verbrachte der Sohn eines Ingenieurs in Kopenhagen. Danach arbeite er einige Jahre im Studio OMA von Rem Koolhaas. Von Koolhaus, der den Rotterdamer Hafen mit spektakulären Hochhäusern neu definierte, ist wohl auch Ingels berühmtes Credo („Yes is more") inspiriert: Ein Bekenntnis, in großen Dimensionen zu denken. Und sein leidenschaftlicher Drang, die Trägheit des Gewohnten zu überwinden.

Da Bjarke Ingels Zukunftsvisionen auch die engen Grenzen der Architektur überschreiten, ist sein Unternehmen auch zum gefragten Partner für Stadtentwickler und sogar für Staaten geworden. So berät BIG das Königreich Bhutan beim Bau der „Mindfulness City". Eine Stadt, die die Werte des Buddhismus und die Natur respektiert. Bjarke Ingels: „Wir stellen uns die Achtsamkeitsstadt als einen Ort vor, an dem die Natur gefördert, die Landwirtschaft integriert und die Tradition nicht nur bewahrt, sondern auch weiterentwickelt wird."

Uwe Killing
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